- Vortrag Professor Simon

Zukunftsperspektiven für die Stiftung Stadt Wittlich

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir haben jetzt einen Blick zurück geworfen auf die vergangenen 25 Jahre der Stiftung Stadt Wittlich. Ich will das Blatt umdrehen und einen Blick in die Zukunft wagen. 2040 erscheint aus heutiger Sicht sehr fern, doch es ist nicht weiter weg als 1990. Wenn man in meinem Alter ist, dann ist 1990 wie vorgestern. Die letzten 25 Jahre sind im Fluge vergangen.

Ich wähle folgende Vorgehensweise: Ich frage, was große Probleme sind, die in den nächsten Jahrzehnten auf uns zukommen beziehungsweise sich verstärkt manifestieren, und welche Rolle die Stiftung bei der Bewältigung dieser Probleme spielen kann. Ich gehe davon aus, dass sich der finanzielle Spielraum der Stiftung wieder erweitern wird. Nach den Erkenntnissen des Chefökonomen der englischen Zentralbank haben wir derzeit den niedrigsten Zins seit 5000 Jahren. Das wird nicht so bleiben. Irgendwann werden die Zinsen zu einem normalen Niveau zurückkehren. Dann können wir wieder neue und größere Projekte finanzieren. Aber fragen Sie mich bitte nicht, wann das sein wird.

In den wenigen Minuten, die mir zur Verfügung stehen, spreche ich drei Probleme an. Diese sind teilweise interdependent, das gilt auch für einige Lösungsansätze.

Problem 1:Braindrain, also die Abwanderung der am besten Ausgebildeten aus der Stadt und aus der Region
Problem 2: Zuwanderung und Integration, mit besonderem Schwergewicht auf Bildung
Problem 3: Verödung des Stadtkerns

Zu Problem 1:
Als ich 1966 mein Abitur erwarb, waren wir 21 Abiturienten. Alle haben studiert. 18 sind weg gegangen. Meine Vermutung ist, dass sich seither nicht viel geändert hat. Wir haben nicht nur ein Demographie-Problem, das heißt zu wenige Kinder werden geboren, sondern zusätzlich verlassen die am besten Ausgebildeten die Region. Das geht nunmehr seit zwei Generationen so, und ein Ende ist nicht in Sicht. Es gibt Wenige, die zurückkehren wollen.

Was könnte die Stiftung tun? Sie könnte eine Studie finanzieren, die erforscht, wie man den Braindrain abschwächen kann oder auch die Bedingungen untersucht, unter denen Weggezogene in die Heimat zurückkehren würden. Die Nähe zu Luxemburg, wo es anspruchsvolle Jobs gibt, könnte sich als ein solcher Attraktivitätsfaktor herausstellen.

Eine zweite Anregung zu diesem Problemkomplex besteht darin, die Kinder unserer Heimat, die nicht selten auf ihren Gebieten führend sind, zu Vorträgen einzuladen. Ich glaube, dass solche Vorträge auf große Resonanz in Wittlich und Umgebung stoßen würden. Wir würden zumindest einen Teil des Wissens und der Erfahrungen der Kinder unserer Heimat den Menschen hier zugänglich machen. Aufgrund der Heimatverbundenheit der Referenten wäre das zudem kostenmäßig sehr günstig. Daran muss man ja immer denken. Generell könnte man diese Ehemaligen stärker in die Stadt einbinden, zum Beispiel, indem man Experten einlädt, sich zu aktuellen Problemen und möglichen Lösungen zu äußern. Im Kuratorium der Stiftung tun wir das bereits.

Zu Problem 2:
Zuwanderung, Integration, Bildung. Hierbei denke ich nicht primär an den momentanen Ausnahmezustand, sondern an die langfristigen Tendenzen. Offiziell werden für Deutschland im Jahre 2050 73 Millionen Einwohner prognostiziert, also 10 Millionen weniger als heute. Meine persönliche Prognose ist 93 Millionen, das sind 10 Millionen mehr als heute. Im Zuge dieser Entwicklung dürfte auch Wittlich massiv wachsen. Die Integration der Zuwanderer wird uns vor enorme Herausforderungen stellen, vor allem im Hinblick auf das Thema Bildung, die ja ausdrücklich ein Auftrag der Stiftung ist. Wenn wir es nicht schaffen, die Zuwanderer zu integrieren und auszubilden, dann wird es Chaos und wirtschaftlichen Niedergang geben. Gelingt es umgekehrt, diese Herausforderungen zu bewältigen, dann wird Deutschland ein starkes Wachstum erleben.

Ich will Integration und Bildung verknüpfen. Wittlich sollte anstreben, Hochschulstandort zu werden. In Bernkastel gibt es seit kurzem eine Hochschule. Andere kleine Städte wie Birkenfeld, Vallendar, Rheinbach, Remagen oder Montabaur haben bereits Hochschulen. Hochschulen werden als Attraktivitäts- und Wachstumsfaktor in der Zukunft immer wichtiger. Eine Hochschule in Wittlich könnte auch dazu beitragen, den Braindrain abzuschwächen.

Was könnte eine Idee für eine Hochschule sein? Wie wäre es mit einer Hochschule für Integration? Diese Schule könnte sich zunächst auf relativ kurze Kurse für Zuwanderer konzentrieren. Ich sehe da eine riesige Lücke und Chance. Als Starthilfe könnte die Stiftung eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben.

Zu Problem 3:
Verödung des Stadtkerns. Diese Verödung ist nicht nur eine Frage der Geschäfte und der Wirtschaft. Es kommen einfach zu wenig Menschen in die Innenstadt. Wittlich ist in den letzten 50 Jahren eine Autostadt geworden. Fast alle wesentlichen Anlaufpunkte von Menschen liegen außerhalb des Stadtkerns. Nicht nur die Geschäfte, sondern auch das Krankenhaus, die Schulen, das Landratsamt. Die einzigen wesentlichen Ausnahmen sind die Verbandsgemeinde Wittlich Land und die Banken, Sparkasse sowie Raiffeisen Volksbank. Das Problem der Belebung der Innenstadt lässt sich nicht nur über die Wirtschaft lösen, denn im Einzelhandel besteht ohnehin wegen des Internet eine gigantische Überkapazität.

Auch hierzu ein konkreter Vorschlag: Die Hochschule für Integration sollte man in der Innenstadt ansiedeln. Platz ist genug vorhanden. Genauso sollte man darüber nachdenken, ob sich Institutionen, die Publikumsverkehr erzeugen, in Zukunft in die Innenstadt verlagern lassen. Auch hier läge es nahe, dass die Stiftung geistige Vorarbeit, zum Beispiel im Rahmen von Masterarbeiten, Dissertationen etc., leistet. Als ich in Mainz Professor war, habe ich selbst eine Diplomarbeit zum Thema „Marketing für die Stadt Wittlich“ vergeben. Solche Arbeiten, die praktisch nichts kosten, bringen stets interessante Einsichten.

Eine weitere Anregung: Die Stiftung sollte überlegen, einen Ideenwettbewerb versehen mit einem Preisgeld zur Wiederbelebung der Innenstadt auszuschreiben. Solche Preise sind seit Jahrhunderten von Herrschern zur Bewältigung drängender sozialer und technischer Probleme genutzt worden. Napoleon wusste nicht, wie er auf seinem Russlandfeldzug das Essen für seine Truppen konservieren sollte. Er schrieb einen Preis von 12.000 Francs aus. Das Ergebnis war die Erfindung der Konservendose. Genauso gut lassen sich Ideenwettbewerbe für die Lösung unserer Probleme nutzen.

Das waren beispielhaft nur einige Ideen für die Zukunft der Stiftung. Wir sollten uns vornehmen, nicht nur die übliche jährliche Routine abzuhandeln und zu finanzieren, sondern die Zukunft aktiver zu gestalten. Vielleicht wäre dazu neben den bestehenden Beiräten für Kultur, Sport und Soziales ein vierter Beirat „Zukunft“ hilfreich.

Eines steht jedenfalls fest. Wir alle werden in der Zukunft leben, noch stärker gilt das für unsere Kinder und Enkel. Die Stiftung sollte mehr tun, diese Zukunft mitzugestalten.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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