Prof. Meistermann
Georg Meistermann wollte Wittlich. Er liebte diese kleine Stadt an der Mosel. Dort seinem künstlerischen Nachlaß eine Heimatstadt zu geben, war sein ausdrücklicher Wunsch. Mit Nachdruck unterstütze er den Plan des zu dieser Zeit amtierenden Bürgermeisters Helmut Hagedorn, der dafür den Anstoß gegeben hatte.
Nach dem 2. Weltkrieg hatte Meistermann für die heimische St. Markus Kirche
den ersten großen Glasfenster-Auftrag (1949) erhalten. Fünf Jahre später folgte der
vierteilige Fensterzyklus der Apokalyptischen Reiter (1954). Sie erinnern in ihrer
ortsbezogenen Motivik an das Grauen des Krieges. Der Mut dieser Stadt und das Engagement
des damaligen Bürgermeisters Matthias J. Mehs für die moderne Gegenwartskunst hatte die
Liebe des gebürtigen Solingers und späteren Wahl-Kölners für Wittlich begründet.
Die "Eifel-Provinz" schien für ihn der richtige Ort zu sein: "Denn dort hat man wie in der südfranzösischen Provinz noch offene Augen und eine wahre Liebe für die Kunst, während die Großstädter durch das Überangebot des Kunstbetriebes verwöhnt und eher gelangweilt sind." Nach seinem Tod (1990) hat die Kölner Psychoanalytikerin Edeltrud Meistermann das Vermächtnis ihres Mannes ausgeführt.
Dabei berücksichtigt die Schenkung die wichtigsten Etappen der künstlerischen Entwicklung. In ihr sind die für Meistermann so typischen Gattungen der Graphik, Glas- und Ölmalerei repräsentiv vertreten. Dazu kommt das umfangreiche Konvolut der im Maßstab 1:1 ausgeführten großen Kartons (=Glasfensterentwürfe).
Während die Kunstgeschichte noch über den Rang des Ölmalers streitet, ist sie sich hinsichtlich der Bewertung des farbgläsernen OEuvre einig: neben Johann Thorn-Prikker gehört Meistermann im 20. Jahrhundert zu den bedeutendsten Erneuerern der deutschen und internationalen Glasmalerei. Es gibt wohl kaum einen anderen Künstler, der in so umfangreicher wie innovativer Weise private, öffentliche und kirchliche Räume in farbiges Licht getaucht hat.
Die drei Gattungen von Graphik, Malerei und Glas dokumentieren die überragende Fähigkeit des Künstlers, sowohl den unterschiedlichen Materialien als auch den verschiedenen Bildthemen gerecht zu werden. Weiter lassen sie deutlich erkennen, wie sehr es Meistermann darum ging, das Wechselspiel von Farbe, Form und Linie durch ein reiches, oft auch kühnes Spannungsverhältnis neu auszuloten.
Auf den Leinwänden sind die Linien Träger und zugleich Katalysatoren der heftig instrumentierten Farbnotationen. Die Farbe zum Schweben zu bringen, meditative Räume zu erschließen und eine auf Transzendenz ausgerichtete Bildtiefe zu erobern, war sein künstlerisches Programm. Ohne Zweifel reiht sich sein ölmalerisches OEuvre in die lange Tradition der großen abendländischen Koloristen ein.
Doch Meistermann wäre nicht Meistermann, ließe man seinen streitbaren Geist außer acht. Auf gesellschaftspolitischer Ebene suchte er nicht den Streit um des Streites willen, sondern der vornehmen Aufgabe und Pflicht wegen, die Streitkultur in der Demokratie zu fördern und zu festigen. Er sah sich nicht nur als Maler, sondern vor allem als überzeugten Republikaner - und das im wahrsten Sinne des Wortes -, der seinen Beitrag über die Kunst hinaus für den gesellschaftlichen Diskurs zu leisten habe.
Die Erfahrung der eigenen Unterdrückung durch das menschenverachtende Nazi-Regime haben ihn ein Leben lang geprägt. Das, war er erlebt hatte und was andere durch Deutsche erleiden mußten, haben ihn veranlaßt, politische Prozesse im Nachkriegsdeutschland mit höchster kritischer Aufmerksamkeit zu verfolgen. Wenn der Demokratiedefizite oder gesellschaftspolitische Fehlentwicklungen erkannte, nahm er kein Blatt vor den Mund. In seiner rigorosen, moralistischen und oft auch bissigen Art legte er sich mit Parteien, Verbänden und auch der Kirche an. Das brachte ihm nicht nur Anerkennung, Freunde und Mitstreiter ein.
Stets forderte Meistermann seine Kollegen und Kolleginnen in zahlreichen Aufsätzen, Reden und schließlich auch als Präsident des Deutschen Künstlerbundes (1967 - 1972) auf, ihren Beitrag für eine humanere Gesellschaft zu leisten. Auch wenn er wußte, daß die Kunst den Menschen nicht ändern kann, glaubte er an die Kraft der Kunst, ein Menschenbild zu formulieren, das die unantastbare Würde eines jeden Menschen bestärken kann.
Neben seinen freien Werken für den profanen Bereich arbeitete der gläubige Katholik Meistermann mit großer Leidenschaft für den sakralen Raum. Mit jubilierenden Farben und kühnen Entwürfen wollte er die Gnade Gottes preisen. Als Bildtheologe suchte er nach formsprachlichen Lösungen zur Verherrlichung des Schöpfers.
Diese religiöse Grundhaltung brachte ihn aber nicht davon ab, die Kirche scharf zu kritisieren. Obwohl er stets die Gemeinschaft der Gläubigen suchte - und gerade deswegen -, geriet er immer wieder mit denen in die Haare, die meinten, besondere Rechte beanspruchen zu können, nur weil sie den christlichen Glauben verwalten.
Um nicht von der Kirche vereinnahmt zu werden, bekannte er unmißverständlich zur Hauptintention seines sakralen Gesamtwerkes: " Ich mache Propaganda für den christlichen Glauben, ich mache ganz sicher keine Propaganda für die Kirche".
Seinem unerschütterlichen rheinländischen Humor und seiner großen inneren Freiheit ist es zu verdanken, daß er sich in der Sache nicht verstieg. Dafür liebte er zu sehr das Leben, die Menschen und zu guter Letzt den guten Tropfen Wein. Das mag vielleicht mit ein Grund gewesen zu sein, warum sich Meistermann sofort und ohne Zögern für die Weinstadt an der Mosel als Aufbewahrungsort entschied. Denn dort, wo die Sinnlichkeit bei den Menschen ein Zuhause kennt, hat die Kunst eine Heimat.
Wittlich darf stolz darauf sein, den Nachlaß eines großen deutschen Künstlers zu beherbergen.
Biographie (1911-1990)
| 1911 | Am 16. Juni in Solingen geboren |
| 1930 - 1933 | Verläßt Unterprima mit dem Abschluß der mittleren Reife. Studium in drei Wintersemestern an der Düsseldorfer Kunstakademie bei W. Heuser, H. Nauen und E. Mataré |
| 1933 | Verordneter Studienabbruch und Ausstellungverbot |
| 1938 | Erste Glasfenster in St. Engelbert, Solingen, im Krieg zerstört |
| 1944 | Zerstörung zahlreicher früher Bilder |
| 1946 | Erste Einzelausstellung im "Studio" des Städtischen Museums Wuppertal |
| 1949 | Übersiedlung nach Köln. Fünf Fenster für St. Markus in Wittlich |
| 1950 | Blevin-Davis-Preis für das Ölbild "Der neue Adam". Mitglied des neugegründeten Deutschen Künstlerbundes |
| 1951 | Kulturpreis der Stadt Wuppertal |
| 1952 | Stefan-Lochner-Medaille der Stadt Köln. WDR-Glaswand (54 qm), Köln |
| 1953 | Glaswand (240 qm) für St. Kilian, Schweinfurt. Gastdozent an der Landeskunstschule Hamburg |
| 1953 - 1955 | Berufung an die Frankfurter Städelschule |
| 1954 | Fresko-Altarwandbild (200 qm) für St. Alfons, Würzburg. Vier Treppenhausfenster (Apokalyptische Reiter) für das Alte Rathaus zu Wittlich |
| 1955 | Großer Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen. Teilnahme an der documenta I |
| 1955 - 1959 | Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie |
| 1956 | Erster Preis für "Das beste Glasbild der Glashütte Mittinger" |
| 1957 | Glaswand (294 qm) der Bottroper Heilig-Kreuz-Kirche: In Deutschland die erste abstrakte Gestaltung im sakralen Raum |
| 1958 | Preis für Glasmalerei auf der Biennale in Salzburg |
| 1959 | Großes Bundesverdienstkreuz. Teilnahme an der documenta II |
| 1959/ 1970 | Fensterwand "Der gute Hirte2 für die Wittlicher Friedhofskapelle |
| 1960 - 1976 | Professur an der Kunstakademie in Karlsruhe |
| 1963 | Altarfresko (123 qm) für Maria-Regina-Martyrum, Berlin |
| 1964 - 1967 | Lehrauftrag an der Akademie der Bildenden Künste in München |
| 1965 |
“Auferstandener Christus”, Glasfenster für Friedhofskapelle, Trierer Landstraße |
| 1967 - 1972 | Präsident des Deutschen Künstlerbundes |
| 1969 | Sieben Fenster für die Wittlicher Krankenhauskapelle - inzwischen im Alten Rathaus installiert |
| 1969 - 1973 | Ölbild: "Farbige Notizen zur Biographie des Bundeskanzlers Brandt" |
| 1971 | Übersichtsausstellung im Rheinischen Landesmuseum Bonn |
| 1974 | Kulturpreis der Stadt Solingen Freskowandbild (160 qm) für das ZDF-Sendezentrum Mainz |
| 1975 | Staatspreis des Landes Rheinland-Pfalz für "Kunst am Bau" |
| 1976 | Vier Fenster für den Camposanto Teutonico |
| 1979 - 1986 | Neugestaltung von St. Gereon zu Köln ("... mein religiöses Testament und Krönung meiner Lebensarbeit....") |
| 1981 | Übersichtsausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg |
| 1982 | Slevogt-Medaille |
| 1984 | Romano-Guardini-Preis |
| 1986 | Ehrenmitglied der Kunstakademie Düsseldorf, Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen |
| 1989 | Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfallen |
| 1990 |
Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband. Am 12. Juni stirbt Georg Meistermann. |
Ergänzende Informationen über Georg Meistermann finden Sie im Biograpisch-Bibliographischen Kirchenlexikon des Traugott Bautz Verlages.
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