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Die Rathausfenster von Georg Meistermann in Wittlich

Entstehungsgeschichte der Apokalyptischen Reiter

Heute zählen sie zu den so genannten “Wittlicher Juwelen”: die vier Fenster mit den Motiven der Apokalyptischen Reiter von Professor Georg Meistermann im Alten Rathaus in Wittlich, das seit zehn Jahren den Namen des Künstlers trägt.

Erster Apokalyptischer Reiter - Der Sieger Angesichts der heutigen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Stadtrat und Stadtverwaltung, der ausführlichen Diskussionen in der Bevölkerung über jedes neue städtische Projekt und der regen Anteilnahme der Wittlicherinnen und Wittlicher an Veränderungen ihrer Stadt erwartet man auch aus der damaligen Zeit viele schriftliche Dokumente über die Entstehung der neuen Rathausfenster. Doch gründlichste Studien der lokalen Presse und der Protokolle der Stadtratssitzungen aus den Jahren 1953 bis 1955 sowie Studien der vorhandenen Meistermann-Literatur ergaben ein mageres Ergebnis.

Einen ersten Hinweis erhält man durch eine Schilderung des verstorbenen Wittlicher Künstlers Johannes Scherl, der berichtete: “In den ersten Jahren nach dem Krieg wollte Bürgermeister Mehs für die Rückwand im Sitzungssaal des Rathauses von Otto Dix ein Bild malen lassen ..... In dieser Zeit fuhren Mehs und ich zusammen nach Köln zu einer der ersten Kunstausstellungen nach dem Krieg. Meistermanns berühmt gewordenes Bild “Der neue Adam” hing da. Und es war ein Glasbildfenster von Meistermann zu sehen. ... M. J. Mehs sagte: “Was meinen Sie, den sollte man nach Wittlich holen für St. Markus.‘ ... An diesem Tag in Köln sagte Mehs auch, er wüßte noch eine wunderbare Aufgabe, nämlich die Fenster im Treppenaufgang des Rathauses in Wittlich. Die vier Fenster im Treppenaufgang gäben sogar das Motiv an: “Die vier Apokalyptischen Reiter‘ aus der geheimen Offenbarung des Hl. Johannes. 1 Den Worten Scherls ist zu entnehmen, daß die Idee in den Jahren zwischen 1945 und 1949, der Entstehung der Meistermann-Fenster in der Kirche St. Markus, zum ersten Male formuliert wurde.

Meistermann persönlich erinnerte sich ähnlich und begann mit dem berühmten Satz: “Insofern hänge ich an dieser Stadt, und dann kam eines Tages wieder von Herrn Mehs die Anfrage, sie möchten gerne Fenster haben. ... Ich schlage vor, die vier Apokalyptischen Reiter zu machen. Das war zunächst mal den Stadtverordneten nicht unbedingt ein Begriff. Ich hatte die Stelle aus der Johannes-Offenbarung dabei, las die vor und sagte, jetzt könnte ich mir denken, daß das eine sehr würdige Sache wäre für eine so ehrwürdige Stadt. Und das wurde akzeptiert. Das Großartige war damals immer, daß man keine Entwürfe vorzulegen brauchte. Man hatte das Vertrauen derer, die einem den Auftrag gaben ... 2

Zweiter Apokalyptischer Reiter - Der Krieg Weitere Quellen aus der Zeit vor 1954 existieren nicht, sieht man von den Tagebüchern Matthias Joseph Mehs‘ ab, die sich noch in Privatbesitz finden und nicht eingesehen wurden. Erst am 13.Mai 1954 findet sich im Protokoll der Ratssitzung ein offizieller Hinweis: “Mit Professor Georg Meistermann ist die Frage von neuen Fenstern besprochen worden. Die Kosten dieser neuen Fenster werden von Professor Meistermann auf 10.000 bis 12.000 DM geschätzt. Übereinstimmend wird der Einbau neuer Fenster anstelle des noch vorhandenen Rollglases für notwendig erachtet. Die Angelegenheit wird bis zur nächsten Sitzung vertagt.” 3 In dieser Sitzung, am 20.Mai 1954 wurde dann beschlossen: “Die Verglasung der Fenster im Rathausflur ist beim Bombenangriff Weihnachtsabend 1944 zerstört worden. Die Fenster sind seither behelfsmäßig mit Rollglas versehen. Im Hinblick auf die vergangene lange Zeit sowie auf die in Aussicht stehende große Landwirtschaftliche Ausstellung (September 1954) wird die Instandsetzung der Fenster für unerlässlich erachtet. Es ist daran gedacht, in Erinnerung an die Nöte des letzten Krieges, insbesondere an den Bombenangriff von Weihnachtsabend 1944 sowie als Mahnung an die gegenwärtigen und zukünftigen Geschlechter in den neuen Fenstern die Apokalypse darzustellen. Bei einer Beauftragung von Professor Meistermann würde die Ausführung der Fenster bei der Firma Derix in Kaiserswerth liegen. Die Kosten des Entwurfes und der Ausführung werden auf 10.000 bis 12.000 DM angenommen. Der Stadtrat beschließt nach eingehender Aussprache gegen 2 Stimmen: Professor Meistermann wird beauftragt, die Treppenfenster im Rathaus in Glasmalerei mit dem Motiv der Apokalypse zu entwerfen. Die Ausführung des Entwurfes erfolgt durch die Firma Derix in Kaiserswerth. Die Kosten betragen insgesamt 10.000 bis 12.000 DM. Es soll darauf hingewirkt werden, dass die Fenster unverzüglich, in jedem Falle aber vor der Landwirtschaftlichen Ausstellung im September 1954 geliefert werden. Der Stadtrat hat den Wunsch, die Kartons (Entwürfe) vor der Ausführung zu sehen. Es wird davon ausgegangen, dass der Kostenbetrag auf 2 Etatjahre verteilt werden kann.” 4

Schaut man sich die Daten an, so erwartete der Stadtrat von Professor Meistermann ein Wunder. Innerhalb von drei Monaten sollte er vier Fenster entwerfen, dem Stadtrat die Entwürfe vorlegen, die Fenster fertigen und einbauen lassen. Deshalb ist davon auszugehen, daß der damalige 1.Beigeordnete der Stadt Wittlich, Matthias Joseph Mehs, Georg Meistermann wahrscheinlich bereits deutlich vorher den Wunsch zur Erstellung der Fenster mitgeteilt hatte. Da sich kein Hinweis darauf finden läßt, daß Meistermann dem Rat die Entwürfe präsentierte, ist davon auszugehen, daß seine Erinnerung ihn nicht trübte. Es ist anzunehmen, daß hierfür wirklich keine Zeit mehr zur Verfügung stand.

Dritter Apokalyptischer Reiter - Der Hunger Die Wittlicher Bevölkerung erfuhr erstmals am 1.Juni 1954, daß über den desolaten Zustand der Fenster im Rathaus nachgedacht wurde. Im “Wittlicher Tageblatt” wurde der “Schönheitsfehler” moniert und vorgeschlagen “Eine Erneuerung der großen Innenfenster könnte auch Gelegenheit geben, das Andenken an den großen Fliegerangriff am Heiligen Abend 1944 bildlich festzuhalten, um damit den Opfern ein bleibendes Gedenken in der Bevölkerung zu sichern.” 5 Meistermann und die Apokalyptischen Reiter blieben unerwähnt. In seiner Nichtöffentlichen Sitzung vom 15.Juli 1954 beschloß der Stadtrat der Stadt Wittlich zusätzlich die Renovierung des Treppenhauses im Rathaus, und am 20.Juli 1954, wieder in Nichtöffentlicher Sitzung, wurde über eine Vorauszahlung an Professor Meistermann entschieden. Erst am 17.August 1954, eine gute Woche vor der Präsentation der Fenster, schrieb das Wittlicher Tageblatt, daß im Rathaus mit dem Einbau neuer Glasfenster im Treppenaufgang begonnen wurde. Näheres fehlte. So ist es dann nicht verwunderlich, daß diese Zeitung in ihrer Ausgabe vom 18.August 1954 schrieb: “Das große Geheimnis um die Fenster im Treppenaufgang des Rathauses ist gelüftet. Die Fenster sind bereits eingesetzt. Die Entwürfe stammen von Professor Meistermann, also von dem gleichen Künstler, der auch die viel besprochenen Fenster in der Pfarrkirche entworfen hat. Für das Rathaus hat man Motive aus der Apokalypse gewählt. Die künstlerische Darstellung wird reichlich Stoff zu Diskussionen geben.“ 6 Über die Fenster Meistermanns in St. Markus wurde 1949 sehr kontrovers diskutiert, und Meistermann mußte Teile wieder auswechseln lassen. Vielleicht ein Grund, warum die Wittlicherinnen und Wittlicher erst so spät vor vollendete Tatsachen gestellt wurden. Man wollte, nur fünf Jahre später, erneute Diskussionen und Verärgerungen vermeiden. Der leicht süffisante Ton des Zeitungsartikels zeigt, daß Motive für die späte Information der Öffentlichkeit wohl bekannt waren. In der Wochenendausgabe vom 21./22.August 1954 wurde auf die offizielle Übergabe der neuen Rathausfenster am Sonntagmorgen hingewiesen. Eine Einladung der Bevölkerung erfolgte nicht, sondern diese erfuhr einen Tag später, am 23.August 1954, daß “eine Sondersitzung des Stadtrats zur Übergabe der Rathausfenster” stattfand. 7 Ansonsten wird berichtet, daß die Kirmes trotz des schlechten Wetters recht nett gewesen sei. Über diese Sondersitzung wird am 24.August 1954 recht ausführlich im Wittlicher Tageblatt berichtet. Bürgermeister Soesters erläuterte die Gedanken, die zur Auswahl der Motive führten, eine Gedenkminute für die Opfer der beiden Kriege wurde abgehalten und Professor Meistermann berichtete über seine Arbeit. Wer ansonsten anwesend war, wurde nicht erwähnt. Auch im zweiten längeren Artikel über die Rathausfenster im Wittlicher Tageblatt vom 28./29.August 1954 wurden ausschließlich die Fenster anhand der Apokalypse des Johannes beschrieben und “Der Sieger” und “Der Krieg” abgebildet. Eine Interpretation oder künstlerische Wertung fand nicht statt.

Vierter Apokalyptischer Reiter - Der Tod Diese knappste Berichterstattung enttäuscht sehr. Bedenken sollte man allerdings, daß im September 1954 die “Grenzlandschau“ stattfand, eine landwirtschaftliche Ausstellung, die weit über 100.000 Besucher in das damals knapp 10.000 Einwohner zählende Städtchen Wittlich lockte. Die Organisation und Durchführung dieser Veranstaltung muß alle Arbeitskapazitäten von Rat und Verwaltung blockiert haben. Aber bei allem Verständnis ärgerte man sich doch in Wittlich, denn am 23.September 1954 schrieb das Wittlicher Tageblatt unter der Überschrift “Keine geheime Kommunalpolitik!” “Diese Feststellung scheint uns deshalb bemerkenswert, weil sie die seit einiger Zeit erkennbare Tendenz bestätigt, wichtige und einen größeren Kreis oder gar die gesamte Bürgerschaft interessierende kommunalpolitische Fragen hinter verschlossenen Türen zu behandeln. Hierzu gehört beispielsweise auch die Beschaffung der neuen Rathausfenster. Sie wurden eines Tages eingesetzt, ohne daß vorher die Bevölkerung darüber etwas erfahren hätte oder über den beauftragten Künstler, die gewählten Motive oder die Kosten unterrichtet worden wäre, obwohl es sich um eine Angelegenheit handelte, die wirklich die ganze Bürgerschaft anging. Bis heute ist der Öffentlichkeit auch offiziell noch nicht mitgeteilt worden, daß die Fenster 14 000 DM gekostet haben. Die Steuerzahler hätten daher ein Anrecht gehabt, über die Verwendung ihrer Steuergroschen zumindest unterrichtet zu werden.” 8 Aber auch der Stadtrat hatte ein Einsehen, denn im “Wittlicher Tageblatt” vom 8.Oktober 1954 steht dann eine Entschuldigung “Der Beigeordnete erklärte dann, zugeben zu müssen, daß allerdings nicht immer die Unterrichtung der Presse so gewesen sei, wie die Presse es wünschen könne und wie der Stadtrat es wünsche, daß es geschehen wäre. Aber man müsse dabei entschuldigend berücksichtigen, daß die Dinge, die verkraftet werden mußten, so heikel gewesen seien, daß die Öffentlichkeit nicht habe alarmiert werden dürfen.” 9

Trotz Beschuldigung und Entschuldigung zeigt die gesamte Pressedarstellung des Jahres 1954 durchaus ein Einvernehmen mit dem Stadtrat. Überflüssige Diskussionen und Missstimmungen sollten vermieden werden. DM 14.000 entsprachen 1954 in etwa dem Jahresgehalt des Bürgermeisters. Viel Geld für die Verschönerung des Rathauses angesichts der Tatsache, daß in Wittlich noch eine hohe Wohnungsnot und Arbeitslosenquote existierte. Das Wirtschaftswunder hatte noch nicht gegriffen. Auch herrschte nur fünf Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland (und der Deutschen Demokratischen Republik) sicher noch ein ganz anderes Demokratieverständnis vor als heute. Stadträte waren Honoratioren, die für das Wohl der Bevölkerung, die nicht alle Informationen “verkraften“ konnte, Sorge trugen. Und der Politiker Matthias Joseph Mehs war sicher ein Mensch des unbürokratischen und schnellen Handelns. Aus heutiger Sicht ein Visionär, der in finanziell bescheidenen Zeiten seiner Heimatstadt unvergleichliche Kunstwerke für zukünftige Generationen beschaffte.
Elke Scheid


1 Georg Meistermann. Druckgraphiken - Zeichnungen - Glasfenster-Kartons - Glasbilder - Ölgemälde.
   Hrsg. von Justinus Maria Calleen. Wittlich: Kulturamt, 1992, S. 28
2 Georg Meistermann. Druckgraphiken ebenda S. 36-38
3 Protokoll der Sitzung des Stadtrates der Stadt Wittlich vom 13. Mai 1954
4 Protokoll der Nichtöffentlichen Sitzung des Stadtrates der Stadt Wittlich vom 20. Mai 1954
5 Wittlicher Tageblatt vom 1. Juni 1954
6 Wittlicher Tageblatt vom 18. August 1954
7 Wittlicher Tageblatt vom 23. August 1954
8 Wittlicher Tageblatt vom 23. September 1954
9 Wittlicher Tageblatt vom 8. Oktober 1954


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