Eröffnungsrede zur Ausstellung: „Hanns Scherl zum 100.Geburtstag“
Eva-Maria Reuther
Meine Damen und Herren,
wenn ich an Hanns Scherl denke, denke ich an einen Menschen von großer Herzlichkeit, Aufgeschlossenheit und einer nahezu unermüdlichen künstlerischen Energie, die ihn bis ins hohe Alter am Leben hielt. Ja, man kann ohne Übertreibung sagen: Die Kunst war Hanns Scherls Lebensnerv, der ihn antrieb und genauso umtrieb. Und nicht nur die eigene. Auch wenn er selbst seine Formensprache als Realist gefunden hatte, so war Hanns Scherl doch zu aller Zeit am Werden und Wandel der Kunst und der zeitgenössischen Kunstszene interessiert. Mit großem Interesse verfolgte er, was weltweit in der Kunst vorging. Und wenn es ihm eben möglich war, fuhr er nach Köln oder Düsseldorf um Ausstellungen zu besuchen und sich mit aktuellen Kunstströmungen auseinander zu setzen. Hanns Scherl konnte auch im hohen Alter noch staunen. Mir fiel immer wieder auf, mit welcher Begeisterung er von manchem modernen Kunst Heroen wie etwa von Joseph Beuys sprach, den er ,wie sie gleich in der Ausstellung sehen werden, bei einer Begegnung sogar porträtiert hat. Was mich ebenfalls immer beeindruckte, war Hanns Scherls Distanz zu seinen eigenen Vorlieben. Die eigene Position war ihm nicht die ultimative, einzig gültige. Auch wenn die abstrakte Kunst nicht „sein Ding“ war, so erkannte er doch ohne Zögern die Qualität und die künstlerische Kraft eines Per Kirkeby oder eines Marc Rothko an. Auch bei einem Alfred Hrdlicka, dessen Weltbild ihm viel zu pessimistisch war, bewunderte er das bildhauerische Genie. Wie früh und fortschrittlich er das Können Georg Meistermanns erkannt hat, ist hinlänglich bekannt. Wie wir wissen, ist es letztlich Hanns Scherl zu danken, dass Meistermann nach Wittlich kam.
Ich selbst habe Hanns Scherl in den achtziger Jahren kennen gelernt, als wir nach Wittlich kamen und uns sein Brunnen vor dem Cusanus Gymnasium begeisterte. Damals war Hanns Scherl bereits über 70Jahre alt, aber von einer geistigen und seelischen Jugendlichkeit, ich möchte fast sagen von einer Alterslosigkeit im besten Sinne, die meinen inzwischen verstorbenen Mann und mich sogleich beeindruckten. In den Jahren danach hatte ich viele Male Gelegenheit mit Hanns Scherl über seine Kunst und die Kunst an sich zu sprechen, nicht zuletzt im Zusammenhang mit Buchbeiträgen oder der Kunstberichterstattung. Bei diesen zahlreichen Treffen und der gemeinsamen Durchsicht seiner Zeichnungen und plastischen Arbeiten, ist mir Hanns Scherls Werk vertraut geworden. Aber ich konnte auch einen Blick in die Innenwelt des Menschen tun, der sich diesen Bildwerken verbarg. Ich darf dankbar sagen, Hanns Scherl hat mir in diesem Sinn die Außen- und Innensicht seines Werks ermöglicht.
Hanns Scherls Schaffen kam aus seinem wachen Blick und seiner emotionalen Kraft. Ein Ideologe war er nach meiner Wahrnehmung nie, auch kein Theoretiker, nicht einmal ein Intellektueller im klassischen Sinn. Als Steinbildhauer besaß er zudem jene Hartnäckigkeit, die im Umgang mit dem widerspenstigen Werkstoff nötig ist. Gelegentlich konnte er solche Hartnäckigkeit auch auf den zwischenmenschlichen Umgang übertragen. Wer Hanns Scherl kannte, weiß auch, wie stur er manchmal sein konnte.
Mit der Nachhaltigkeit, mit der er später ans Werk ging, hat der angehende Künstler wohl auch – zuweilen unter wirtschaftlich härtesten Bedingungen –zielstrebig seine Ausbildung verfolgt. Nach der Schule machte er zunächst eine Steinmetz und Bildhauerlehre beim Wittlicher Bildhauer Breidenbach.
, Ab 1928 wechselte er zu Prof. Cyrillo dell`Antonio an die angesehen Holzbildhauerschule im schlesischen Bad Warmbrunn. 1933 schließlich wurde ein Traum für ihn wahr. Er schaffte es nach Paris an die berühmte Kunstakademie Grande Chaumière in die Klasse von Aristide Maillol. Die Zeit in Frankreich blieb für ihn prägend. Von ihr schwärmte er bis ins hohe Alter. Ab 1945 war Hanns Scherl bis zu seinem Tod 2001 in Wittlich als Bildhauer tätig.
Hanns Scherl hat in seinem 91jährigen Leben und gut 60 Jahren künstlerischer Arbeit an die 200 Werke geschaffen, davon etwa 60 im öffentlichen Raum, darunter Großplastiken, Brunnenanlagen und Ehrenmale. Einen besonderen Schwerpunkt bilden zudem seine sakralen Arbeiten. Hanns Scherls Werk war zu aller Zeit ein realistisches. Das bedeutet: Hanns Scherl hat sich in seiner Formensprache an der Gestalt unserer Welt orientiert, so wie wir sie als Wirklichkeit wahrnehmen. Hanns Scherl ist weithin ein erzählfreudiger Realist. Nicht zuletzt das macht seine Arbeiten so beliebt. Von ihrer Mitteilsamkeit fühlen Menschen sich unmittelbar angesprochen, sogar verstanden. Im Spiel der Kinder, im dumpfen Schmerz der Trauernden, in der Zärtlichkeit der Liebenden, in den Bewegungen des Tanzes findet sich der Betrachter vielfältig wieder. Der heutige Museumstag steht unter dem Motto: Museen für gesellschaftliches Miteinander. Hanns Scherls Bilderwelt fördert ohne Zweifel solches Miteinander.
Hanns Scherls künstlerische Position wird von zwei Wesenszügen bestimmt. Sie sind der Nährboden aus dem sich sein Schaffen speist. Das eine ist Hanns Scherls Religiosität, das andere sein Interesse am Menschen. Diese beiden Pole bilden auch die Klammer unserer Ausstellung, in der wir Ihnen den Bildhauer und Zeichner Hanns Scherl in aussagefähigen Arbeiten vergegenwärtigen möchten. In der Folge der Räume beginnen wir mit dem sakralen Werk und enden im letzten mit dem „Porträt“ .Insgesamt zu sehen sind etwa 80 Arbeiten, wobei naturgemäß die Zeichnungen überwiegen. Etwa 20 Plastiken und Arbeiten aus Papier stammen aus den Jahren 1933-1945.
Hanns Scherl wurde 1910 in eine – wie er mir berichtete- streng katholische Familie geboren. Zu seinen großen Förderern, gehörte überdies ein Kirchenmann, der Wittlicher Dechant Werle, dem er zeitlebens verbunden blieb. Werle verschaffte dem 24jährigen, aus Paris zurückgekehrten Künstler 1934 den ersten großen Auftrag, die Wandskulptur des Hl. Sebastian, die bis heute an der Außenwand von St.Markus in Wittlich zu sehen ist. In der Ausstellung zeigen wir Ihnen davon ein Modell. Hanns Scherls Religiosität habe ich als ein unerschütterliches Urvertrauen in die schützende Allgegenwart Gottes erlebt. Unvergessen ist der Satz aus seiner Dankesrede zur Verleihung des Peter-Wust-Preises 1983: „Auch in Augenblicken größter Verlassenheit weiß ich mich geborgen in Gottes Hand“. Der Glaube war für Hanns Scherl so etwas wie ein schützender Mantel, in dessen Geborgenheit man sich flüchten konnte. Nicht ohne Grund hat er zahlreiche Schutzmantel Madonnen geschaffen oder Menschen ins Bild gesetzt- –darunter immer wieder Soldaten, die sich unter den schützenden Mantel ihres Glaubens flüchten.
Genauso durchdrungen wie von seiner Religiosität war Hanns Scherl von seinem Interesse am Menschen und am Menschsein. Sein Menschenbild ist ein uralt überkommenes und doch ein ganz modernes, eben das vom Menschen als Einheit aus Leib und Seele. Ein Menschenbild, wie es schon die alten Griechen formulierten und wie es Eingang in unseren christlichen Glauben gefunden hat. Dieser ganzheitliche Mensch ist für Scherl Geschöpf eines göttlichen Universums, in dem Mensch und Natur gleichberechtigt sind. Zu Scherls schönsten Arbeiten gehören denn auch seine Tierplastiken und vegetativen Motive.
Der Mensch als Einheit, das ist wie gesagt Scherls Thema. „Ich will den Menschen in seiner Ganzheit darstellen“, hat er immer wieder betont. Sein Anspruch auf Ganzheit schließt keine Facette im Spektrum menschlichen Lebens aus. Dem Künstler und Menschen Hanns Scherl war nichts Menschliches fremd. Keineswegs hat Scherl, wie immer mal wieder behauptet wird, nur heiter harmlose Menschen geschaffen. Seine Bilderwelt ist bevölkert von Trauernden wie von Tanzenden, von Verlassenen und Liebenden, von Glück wie von bitterer Not. Eine meiner Lieblingsarbeiten ist seine undatierte Kleinplastik „Das Elend“. Es gibt wenig Arbeiten, in denen schonungsloser, nacktes, hilfloses Menschsein dargestellt wird.
Hanns Scherl hat Mensch und Natur über ihre Bewegung und ihren Rhythmus wahrgenommen. Die Gestik als Ausdruck körperlicher wie seelischer Bewegung kennzeichnet sein Werk. Dabei verdichten sich die eigene innere Bewegung und die seiner Motive zum neuen Bild. Was für ein guter Menschenkenner Hanns Scherl war, offenbaren auch seine sensiblen Porträts in Raum 6. Eine Versammlung ganz unterschiedlicher Charaktere werden Sie dort antreffen, deren Wesen in ihren Gesichtern offen liegt. Viele von Ihnen werden alte Bekannte wieder treffen wie den legendären Wittlicher Bürgermeister Mehs oder Sanitätsrat Friedrichs. Zu sehen ist auch eine Plastik, die bewegend Hanns Scherls Mutter darstellt, eine in sich gekehrte Sitzfigur in Ton von 1947, die nach einer Holzarbeit von 1935 entstanden ist.
Wie ich bereits sagte, möchten wir Ihnen neben dem Bildhauer den Zeichner vergegenwärtigen, beide sind ohnehin nicht voneinander zu trennen. Die Zeichnung, meine Damen und Herren, gilt als die intimste künstlerische Äußerung. Sie ist der unmittelbare Ausdruck von Wahrnehmung, Erleben und spontanem Einfall. In einer Zeichnung sind Sie dem Künstler ganz nah. Hanns Scherl war ein guter, geradezu besessener Zeichner. Noch in seinen letzten Jahren, als er längst nicht mehr gut sehen konnte, hat er noch immer gezeichnet. Immer wieder hat er Zeichnungen verworfen, schon gar, als ihm das Zeichnen schwer viel und er tagelang nichts zeichnen konnte. Denn das war für ihn wie für alle Künstler klar: „ Gutes Zeichnen erfordert tägliche Übung“.
Hanns Scherls Zeichnungen sind vielfach Umrisszeichnungen, sie dienen ihm als Entwurf für die bildhauerische Arbeit, als flächige Form, die später verräumlicht wird, als Skizze oder schlicht als gezeichnetes Tage- und Notizbuch. Neben der Umrisszeichnung hat Hanns Scherl auch die Binnenzeichnung mit ihren Nuancen und Schattierungen beherrscht.
Ihrer ganz besonderen Aufmerksamkeit möchte ich den Raum mit den Russlandzeichnungen empfehlen. Wir zeigen dort aquarellierte Zeichnungen, die Hanns Scherl als Soldat zwischen 1941 und 1943 an der Russland Front gezeichnet hat. In diesen farbigen – wie ich gerne sage- klingenden Zeichnungen, in denen die Farbe die Form orchestriert, offenbart nach meiner Meinung Hanns Scherl seine ganze Seele. Sein liebevoller Blick aber wahrscheinlich auch sein Heimweh wird in seinen zart empfundenen Landschaften deutlich, klingt im Sehnsuchtsblau zweier Pferde. Mitgefühl spricht aus dem Bild der amputierten Erntehelfer, dem leidenden Blick des russischen Arztes. Angst verheißt die riesige schwarze Gewitterwolke, die wie das Unwetter des Weltkrieges über den winzigen Menschen aufzieht.
Einen eigenen Raum haben wir schließlich der Bronzeskulptur und ihrer Entstehung gewidmet. Die Bronze war wegen ihrer fast unendlichen Formbarkeit Hanns Scherls Lieblingswerkstoff.
Abgeschlossen wird unsere Ausstellung im Flur mit einer Vitrine, in denen wir Ihnen zwei der in den letzten Wochen immer wieder genannten Werke Scherls zeigen, die angeblich Scherls Nazi Gefolgschaft belegen. Es sind dies eine Ausgabe des „Opferrings“ von 1936 sowie eine Abbildung des Reliefs „Schaffende Jugend“ von 1937.
Der „Opferring“ ist eine Mappe mit Holzschnitten, die stilistisch zum Teil dem Expressionismus nahe stehen. Neben einer Ansicht des Wittlicher Marktplatzes, die wir aufgeschlagen haben, enthält die Mappe Landschaften und Szenen aus dem Leben der Region. Entstanden ist die Mappe als Auftragswerk des Wittlicher „Opferrings“. Hanns Scherl war dabei einzig für die graphische Gestaltung zuständig. Die Inhalte haben wie bei jeder Eigenwerbung die Auftraggeber vorgegeben. Den Holzschnitt hat Hanns Scherl offensichtlich einzig als gebrauchsgraphische Technik genutzt.
Für freie Arbeiten spielt er in Hanns Scherls Werk überhaupt keine Rolle. „Die Schaffende Jugend“ daneben ist eine dynamische Reliefarbeit – auch in Anlehnung an den Expressionismus- die junge Männer beim Graben im Wasser zeigt. Die dürren Körper haben wenig Heroisches. Wenn ich mir die „Schaffende Jugend“ ansehe, erinnere ich mich eher an Hanns Scherls Satz: „Wir waren eine bitter arme Region, das Leben hier war enorm hart“. Die „Schaffende Jugend“ taucht in der Literatur sowohl als Gips- wie als Bronzerelief auf. Jedenfalls hat Hanns Scherl bei einer Ausstellung damit einen ersten Preis gewonnen. Ich persönlich halte beide Arbeiten für schwach. Aber machen Sie sich selbst ein Bild. Die „Schaffende Jugend“ wurde –wie auch heute noch 1.Preise- angekauft und dann später noch bei Wanderausstellungen gezeigt, als Scherl längst im Feld war.
Über unsere Vitrine, die maßgeblich von Franz-Josef Schmit mitgestaltet wurde, haben wir den Satz des renommierten Münchner NS Spezialisten Prof. Ernst Feil gestellt: „als ob alles so klar, eindeutig und offenkundig gewesen wäre“. Die Aussage des Hochschullehrers von der Ludwig-Maximilian-Universität ist uns Resümee und Mahnung. Aber sie ist uns noch mehr.
Wir betrachten unsere Vitrine ganz entschieden als Beitrag zur politischen Bildung, soll heißen als Beitrag zur geschichtlichen und gesellschaftspolitischen Bewusstseinsbildung für jedermann, aber ganz besonders für Schüler und Jugendliche. Es reicht nicht, Mausoleen und Denkmäler für die Helden und Mahnmale für die Opfer zu errichten. Wir müssen aufklären und über Wissen Bewusstsein schaffen. Das ist allerdings etwas anderes, als ein Feindbild durch ein anderes zu ersetzen. Wir müssen lernen und ganz besonders unsere Kinder und Jugendlichen lehren, differenziert zu urteilen und zu bewerten. Wir müssen lernen und lehren, alles Tun auch das Künstlerische unter Berücksichtigung aller Umstände und unter Zuhilfenahme des gesicherten Wissens zu würdigen und zu bewerten. Und was wir nicht sicher wissen, darüber haben wir, wenn unsere Vermutungen ehrenrührig sein könnten, zu schweigen. Das ist nicht nur eine unerlässliche Forderung an jede humane Gesellschaft, das ist auch das Prinzip des Rechtstaats und jedes rechtsstaatlichen Bewusstseins. Schwarz-weiß Malerei und platte eindimensionale Bilder sind das Instrument der Diktaturen. Demokratie und Freiheit wissen um Nuancen, Widersprüche, um Brechungen und Vielschichtigkeit.
Mit Originaltexten und Texten aus der Literatur u.a. von Thomas Schnitzler wird in unserer Vitrine die Funktion der Kunst und der Medien als Propaganda Instrumente im NS Regime dargestellt. Sie finden Texte zur Gleichschaltung der Presse, zur Reichskulturkammer, zur Situation der Künstler und anderes. Daneben ist der Beitrag von Franz-Josef Schmit im Kreisjahrbuch 2010 zur Rolle von Peter Kremer und Hanns Scherl im Nationalsozialismus ausgelegt, sowie der Aufsatz von Thomas Schnitzler über die regionale Kunstszene in der NS-Zeit im Kurtrierischen Jahrbuch 2009. Wir würden uns freuen, wenn viele Lehrer und Mitarbeiter von Bildungseinrichtungen hierher kämen und unser Angebot wahrnähmen.
Bei der Gesamtgestaltung der Ausstellung haben wir uns darum bemüht, Bildzusammenhänge und Raumzusammenhänge zu schaffen.
Zum einen, damit die Kunstwerke untereinander einen Dialog führen. Zum andern möchten wir auch Ihnen, den Betrachtern, durch solche Bild- und Raumzusammenhänge neue Impulse und Anregungen geben, mit den Werken ins Gespräch zu kommen und sich auch selbst dabei neu zu erfahren. Denn eins ist auch sicher. Beim Betrachten eines Kunstwerks erfährt der Betrachter sich selbst in seiner Reaktion, in seinen Empfindungen, seinen Assoziationen. Und damit bei dieser Gesprächsrunde auch Hanns Scherl über seine Werke hinaus mit dabei ist, haben wir ihn auf den Wandfahnen selbst sprechen lassen.
Meine Damen und Herren, in diesen Tagen ist viel von Irrtümern, von Verstrickungen sogar von Schuld und Nazikunst die Rede gewesen.
Grundsätzlich gehören Irrtümer und Irrwege zum Menschsein. Wer das nicht aushält, hält Menschsein nicht aus.
Von Hanns Scherl wissen wir, dass er 1937 einen Antrag zur Aufnehme in die NSDAP gestellt hat, 1938 wurde er aufgenommen. Die Umstände des Antrags kennen wir nicht. 1939 wurde Hanns Scherl Soldat. Bis1945 war er im Krieg.
Dass ein Künstler Mitglied der NSDAP war, macht ihn nicht automatisch zum Nazi Künstler. Ein nationalsozialistischer Künstler ist, wer nationalsozialistische Ideologie ins Bild setzt und verherrlicht. Wir kennen von Hanns Scherl drei bis vier Auftragswerke für nationalsozialistische Auftraggeber. Auch hier kennen wir nicht die Umstände. Sicher ist indes, dass Hanns Scherl bitter arm war, künstlerisch bislang ein Niemand, die Auftraggeber hingegen mächtig und einflussreich. Ganz allgemein ist zu sagen, dass nicht jeder, der im Dritten Reich weiter arbeiten und ausstellen konnte, damit ein nationalsozialistischer Künstler war, genauso wenig wie jeder, der einen Bauer mit Pferd, eine Familie oder Menschen bei der Arbeit dargestellt hat, ein Blut- und Boden Künstler ist. Die inhaltliche Substanz ist entscheidend. Kunst ist nun mal vielmehr Ausdruck als Eindruck.
Ich persönlich bezweifele, dass Hanns Scherl in den fraglichen Jahren zwischen 1933 und 1939 überhaupt schon einen eigene Position hatte. Wenn Sie sich die schönen Bronzen von 1935 und 1938, den Sebastian von 1934 und das hinreißende Kälbchen wiederum von 1938 anschauen, werden Sie einen augenfälligen Stil Pluralismus erkennen. Hier sucht sich ohne Zweifel ein junger Künstler seinen Standort. Für Hanns Scherls Gesamtwerk ist festzustellen: Hanns Scherl ist ein dem Gegenstand verpflichteter Realist, der wie Fernand Hofmann zu Recht feststellt, im christlichen Humanismus wurzelt.
Meine Damen und Herren, wenn ich in diesen Tagen an Hanns Scherl denke, fällt mir Friedrich Hölderlins „Lebenslauf“ ein:
Darin heißt es:
„Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich, habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
Dass ich wüsste, mit Vorsicht
Mich des ebenen Pfades geführt.
Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Dass er, kräftig genährt, danken für alles lern,
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will“
Meine Damen und Herren, die Freiheit aufzubrechen, wohin man will, schließt auch die Freiheit ein, aus den eigenen Fehlern und Irrtümern aufzubrechen und Irrwege zu verlassen, um bessere Wege einzuschlagen. Das gilt für jeden von uns, und das gilt auch für Hanns Scherl. Hanns Scherl hat seinen Weg gesucht und er hat ihn gefunden. Und am Ende war es ein guter Weg. Das belegt sein langes vielfach ausgezeichnetes Lebenswerk, das uns bis heute Freude macht und unsere Region bereichert. Und dafür gebührt Hanns Scherl unser aller Dank und unsere Achtung.
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